
Lupembe den 23.3.36
Liebstes Großmutterle !
Es ist
schrecklich lange her, dass ich Dir nicht mehr geschrieben habe.
Ich weiß nicht,
wie lange. Aber jedenfalls geschah das Schweigen nicht mit Willen, sondern
weil man zeitweise selbst zum Briefschreiben zu müde ist, oder aber immer
wieder andere Pflichten sich vordrängen.
Es ist ja keine
Kleinigkeit , wenn fünf Jahre lang immer wieder der Familienkreis sich
weitet und eine , die vor fünf Jahren noch ganz für sich allein zu
sorgen brauchte , nun noch für fünf andere Menschen Verantwortung trägt
: 10 Augen, die an einem hängen , 10 Hände, die nach einem greifen und
: „Mutti, Mutti“ von früh bis spät.- Aber ich kann ja nur froh und dankbar
sein, so lange ich für so liebe Menschen schaffen und sorgen kann und, wenn
alle gesund bleiben dürfen, will ich über Arbeit nicht klagen .
Unsere Jüngste,
zu deren Geburt du uns so lieb geschrieben hast, macht uns
gottlob keine Sorgen. Sie hat schon tüchtig zugenommen. Mit 4 Wochen wog sie
9 Pfund.
Sie saugt mich
freilich tüchtig aus, hoffentlich kann ich es doch noch 4 Monate durch
halten.
Ich hatte Pech
und bekam gerade als ich zur Erholung auf eine Pflanzung gegangen war,
meine erste Malaria, so dass ich meinen Urlaub unterbrechen und mit Mechthild
ins Hospital musste. Es war aber mit einem Tag Fieber und einem Tag
Untertemperatur abgetan und diese
Krankheit hat
das Gute, dass man gleich wieder aufstehen kann, sobald das Fieber weg ist.
Es blieb nur das
unangenehme Chininschlucken, das – 1 Gramm pro Tag – Ohrensausen und
sonstiges Unbehagen verursacht.
Die beiden
Großen (Hans- Georg und Marie Anne) hatte ich zum ersten Mal zu anderen
Leuten gegeben und, während ich im Hospital war – drei Tage lang – musste
auch Peter allein auf einer Pflanzung sein. Die beiden Großen gewöhnten sich
schnell ein und bangten sich gar nicht, aber Peter fühlte sich ohne die
Geschwister recht einsam und es war nur ein Glück, dass er sie alle Tage zum
Spielen besuchen konnte.
Georg war
indessen auf S a f a r i, so dass die Familie zeitweise auf vier
verschiedene Orte verteilt war. Nun sind wir aber alle glücklich wieder
beisammen in unserer eigenen Häuslichkeit.
Von Mechthild
ist noch zu sagen, dass sie mir sehr ähnlich sieht und, wenn die Ähnlichkeit
so bleibt, wirst Du Deinen Spaß haben, wenn Du sie siehst und in ihr Deine
eigenen Töchter und die Enkeltöchter wieder findest. Der „
Lemke-mädchen- bezug ist bei ihr am ausgesprochenstens.
Wenn wir einen
Jungen bekommen hätten, würde er Eckhardt heißen, denn, es war mein Wunsch,
dass in ihm der Name Deines lieben Vaters und Dein Mädchenname wieder
aufleben sollten. Außerdem ist Eckhardt ein schöner alter deutscher Name.
E c k h a r d
t P a u l, damit auch Onkel Paul nicht vergessen sei.
Aber,
„aufgeschoben ist nicht aufgehoben“ und der Name bleibt für den
nächsten Jungen, der freilich nicht nächstes Jahr kommen soll.
Nächstes
Jahr wollen wir erst einmal nach Deutschland fahren und ich danke
meinem Schöpfer für jeden Tag, der mich dem Wiedersehen mit Dir näher bringt.
Die Hoffnung ist
jetzt sehr groß, liebstes Großmutterle. Bleib mir
um Gottes willen gesund bis dahin, nachdem Du fünf Jahre so gut
überstanden hast. Das Wiedersehen mit Dir ist meine größte Freude am
Heimaturlaub.
Nächstes Jahr um
diese Zeit sind wir vielleicht schon im Aufbruch und an Deinem
Geburtstag, so Gott will, bei Dir. Also, halte Dich tapfer bis dahin.
Es wird
wohl Zeit, dass ich den Kindern die „Goldne Abendsonne“ und „Gold und
Silber lieb ich sehr...“ beibringe. Sie können sehr viele Lieder, aber
meistens Choräle in Bena-Sprache und ich staune nur
immer, wie sie die vielen Melodien sicher auseinander halten.
Georg will
versuchen ein Bild von Hans Georg unter den schwarzen Kindern zu machen.
Am liebsten
spielt er doch mit seinen Geschwistern, denn sie haben mehr Fantasie als
solch ein kleiner Neger.

Dabei fällt mir
ein: die Malaria habe ich mir aus Kidugala
mitgebracht, wo wir im Januar waren.- Wegen Mechthilds Geburt
habe ich die Chininnachkur etwas zu früh abgebrochen und dann kam sie dann
raus. Hier, in Lupembe ist Malaria eine
Ausnahmeerscheinung.
Die Kinder haben
tapfer ihr Chinin geschluckt und sind auch –gottlob- gesund geblieben.
Daß wir so
kurz vor meiner Entbindung und mitten in der Regenzeit noch die Reise nach
Kidugala
wagten kam so:
Georg und ich
waren im letzten Halbjahr 1935 überfordert worden, vor allem durch die vielen
Menschen, die uns immer wieder in persönlichen und amtlichen Angelegenheiten
heim suchten .Selbst in den Weihnachtstagen ließ man uns keine Ruhe. Am
dritten Weihnachtstag klappte ich einfach zusammen und Georg schickte mich wiederspruchslos ins Bett, obwohl am Nachmittag eine
Pflanzerversammlung mit Kaffee und Kuchen im Anschluß
an den deutschen Weihnachtsgottesdienst stattfand.
Danach beschlossen
wir, uns so schnell wie möglich für einige Zeit aus dem Staube zu machen und
verlebten drei sehr erholsame Wochen in Kidugala
bei unserem lieben Heddes.
…die Eltern Heddes haben uns viel Freundlichkeit erwiesen vor allem durch
wiederholte Aufnahme, wenn wir erholungsbedürftig waren und sie sind
uns sehr lieb geworden.
Bei unserer
Rückfahrt nach Lupembe hatten die starken
Regen schon die Straßen entsetzlich verdorben. Die Fahrt war eine
einzige große Strapaze für uns alle. Georg musste mit den drei Kindern oben
zwischen den Lasten sitzen die Zeltplanen wegen des starken
Regens direkt auf dem Kopf. Schließlich mussten wir es aufgeben
noch nach Lupembe zu kommen und in einem ganz
leeren Hause ein improvisiertes Nachtlager aufschlagen. Beinahe wäre
Mechthild dort geboren, denn die Fahrt auf den holprigen Weg hatte bei
mir bereits ganz heftige Wehen ausgelöst. Aber glücklicherweise ging es noch
gut und wir schliefen sogar einigermaßen. Die Kinder sogar ausgezeichnet in
einem umgekippten Tisch .
Am nächsten
Mittag kamen wir gut hier an und Mechthild nahm sich noch 14 Tage länger
Zeit.
Am 12.April soll
wieder Taufe sein und zwar im deutschen Ostergottesdienst.
Mit ihr wird ein
kleines Jungchen getauft. das wenige Stunden später im hiesigen
Hospital geboren wurde.
Mechthild ist am
Todestag der Frau Gertrud Kuhl geboren, die hier vor 2 Jahren unter so
tragischen Umständen starb und ein kleines 1jähriges Jungchen als Waise
zurück ließ.
Vor einem Jahr
hat der Vater wieder geheiratet und zwar die Schwester seiner verstorbenen
Frau – aber die
Wunde wird doch bleiben.
Ich kam grade
vom Grab, wohin ich einen Kranz und Blumen gebracht hatte, als die Wehen
langsam einsetzten. Kurz vor Mitternacht wurde sie geboren ,
nicht in der normalen Lage und 7 1/2 Pfund schwer , deshalb war
die Geburt schwerer als ich beim vierten erwartet hatte und wie froh
war ich , als sie im Körbchen schrie –
Und die Freude
der Geschwister hättest Du sehen sollen; der weiße Bezug des Körbchens war im
Nu schwarz von den Kinderhändchen. Am drolligsten war Peter: er sah immer das
Kind und dann uns an und wollte sich ausschütten vor Lachen.
Wahrscheinlich
kam er sich mit seinem beachtlichen Alter sehr erhaben gegenüber solch
kleinem Wurm vor.
Hans Georg ist
ganz der große Bruder und Beschützer.
Er kann die
Kleine nicht weinen hören. Wenn sie des Nachts im Nebenzimmer schreit ,
schluchzt er in sein Kissen und am Tag quält er mich, ich soll ihr zu
trinken geben, dann kommt er dazu und streichelt sie und redet ihr gut zu und
ich muss ihm versprechen, dass wir nachts gut auf sie aufpassen werden ,
damit keine Tiere sie beißen und dass sie später, wenn sie größer ist , bei
ihm schlafen darf . So, das sind so die neuesten Nachrichten von hier.
Ich bekam vom
Kolonialfrauenbund eine vollständige Babyausrüstung zu Weihnachten und noch
Verschiedenes für die anderen Kinder – Du kannst Dir denken, wie froh ich
war, meine erste Aussteuer war vollständig verbraucht, nur Deine Jäckchen
werden wohl noch mehr Urenkelchen nützen, die sind unverwüstlich.
Nun für heute
genug, ich will noch ein paar Bildchen heraussuchen ….
Viele tausend herzliche Grüße
!
In treuem Gedenken und Dankbarkeit
Allzeit Deine Enkeltochter Marion
Nebst 4 Urenkeln
Altes Missionshaus in Lupembe

1937
Marion fährt mit vier kleinen Kindern zurück nach Deutschland. Georg muss aus dienstlichen Gründen noch in L u p e m b e bleiben.

Hier ein Foto von der Bahnstation in Dodoma, von hier aus ging es zum Hafen und mit dem Schiff nach Venedig.
Sie erwartet ihr fünftes Kind, so war die Überfahrt auf dem Schiff mit den lebhaften Kindern für sie sehr aufregend.
In Venedig wurde sie von ihrem Vater, Prof. Wilhelm Bock, abgeholt. Dabei erfuhr sie vom Tod ihrer geliebten Großmutter.
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